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1. Moraltheologie im Dienst der Selbstfindung

Die Frage nach der eigenen Identität treibt heute viele Menschen um. Angesichts der Vielfalt der Möglichkeiten, die eigene Biografie zu gestalten, wird jedoch die Suche des eigenen Weges eine immer größere Herausforderung. Denn es ist evident, dass nicht alle denkbaren Möglichkeiten gleichermaßen wert- und sinnvoll sind. Vielmehr wissen wir, dass jedem Menschen aufgrund seiner einzigartigen Lebensgeschichte ganz bestimmte Wege eröffnet werden, seine Fähigkeiten zu entfalten und so sich selbst zu entdecken und zu verwirklichen.
Die Moraltheologie versucht, diese Suchprozesse des Menschen im Licht des Glaubens zu reflektieren und angemessene Hilfen für wichtige Entscheidungen bereit zu stellen. Dabei kann sie auf einen reichen Fundus der christlichen Tradition zurückgreifen:

  • In der klassischen Lehre von den Tugenden werden grundlegende Haltungen eines gelingenden Lebens umschrieben.
  • In der spirituellen Tradition der sog. „Unterscheidung der Geister“ wird eine ausgereifte Methode angeboten, den Ruf Gottes wahrzunehmen und zu verwirklichen.
  • In den Erzählungen der Bibel, aber auch in den Biografien der Heiligen werden Modelle gelingenden Lebens vermittelt, die motivieren und prägen können.
  • In den symbolhaften Vollzügen der Liturgie erschließen sich Potenzen zur Annahme des eigenen Lebens und zur Öffnung auf spezifische Möglichkeiten.

Moraltheologie im Dienst der Selbstfindung ist so gesehen Theologie der je eigenen Berufung. Sie reflektiert die Wege des Menschen, der mit hörendem Herzen Gottes Willen sucht.

2. Moraltheologie im Dienst der Gestaltung der Gesellschaft

Ethische Fragen spielen heute auch im politischen und gesellschaftlichen Diskurs eine immer größere Rolle. Je mehr wir Menschen können, je mehr wir uns mittels der Technik der Welt bemächtigen und sie in den Griff bekommen wollen, umso größer wird auch die Verantwortung für unser Tun. Zugleich aber zerbrechen bisherige lebensweltliche Orientierungen. Der Ruf nach Ethik als bewusstem Nachdenken und methodischem Überprüfen unseres Urteilens und Handelns wird daher zunehmend lauter. Es gilt, allgemein akzeptierbare ethische Standards zu finden, die ein Minimum an Humanität auch für die schwächsten Glieder der Gesellschaft sichern.

Die Moraltheologie bemüht sich, in methodisch-systematischer Reflexion aus der Sicht des christlichen Glaubens Antworten auf die Frage zu geben, wie heute verantwortliches Handeln aussehen kann. Dabei geht sie von der Annahme aus, dass menschliches Leben glücken darf und kann. Zugleich ist sie auf den interdisziplinären Dialog ausgerichtet und bemüht sich um eine rational-argumentative Darlegung ihrer Handlungsempfehlungen. Zu einer theologischen Disziplin wird sie durch die Einbeziehung der Perspektive christlichen Glaubens in ihr Bemühen um die genannten Fragen. Das eigentlich Christliche artikuliert sich dabei jedoch nicht in spezifischen inhaltlichen Forderungen, sondern im Blick auf die Frage nach dem Grund, der dem Menschen mit all seinen Begrenzungen und Ängsten verantwortliches Handeln möglich macht.

 

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